Von der Maas bis an die Memel

28. November 2009

Wer den Staat repräsentiert und von seinem Dienst an ihm lebt, sollte sich auch zum Staat und seinen Symbolen bekennen. [...] Über das Singen lasse ich mit mir reden. Aber bitte nicht die Hand in der Hosentasche lassen!

Sagte der Pundespräsident Horst Köhler 2004 mal in einem Interview. Anlass war, dass der damalige Umweltminister Jürgen Trittin nach Köhlers Wahl die Nationalhymne nicht mitgesungen hatte.

Ob die erste Strophe des Deutschlandliedes Deutschland, Deutschland über alles – wie Köhler sie kürzlich anstimmte – auch zu diesen Symbolen des Deutschen Staates gehören, ließ der Bundespräsident bisher nicht verlauten.

Ein Artikel über den geistigen Vorgänger der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die WAAGE e.V., ihrer Vergangenheit und dem Märchen vom Wirtschaftswunder Ludwig Erhards.

Nach dem Krieg waren vor allem die USA an dem Aufbau einer Freien Marktwirtschaft in Europa – unter Anderem als Absatzmarkt für die amerikanische Überproduktion – interessiert. Das Deutsche Volk war jedoch zu diesem Zeitpunkt strikt gegen ein marktwirtschaftliches Wirtschaftssystem. Damit waren sie nicht alleine, auch die Industrie war damals der Marktwirtschaft eher abgeneigt. Die Ursache dafür wird wohl nicht zuletzt an der im Hitler-Deutschland lieb gewonnenen Zwangsbewirtschaftung gelegen haben.
Trotzdem ist der Weg von der Ablehnung, bis hin zur Unterstützung des System in Deutschland ein sehr interessanter.

Diese Geschichte beginnt tatsächlich mit Ludwig Erhard. Im Jahr 1948 wurde Erhard auf Vorschlag der FDP Verantwortlicher für die Wirtschaftspolitik in der westlichen Besatzungszone. Als Kompromiss zur verhassten Marktwirtschaft erfand Erhard die Soziale Marktwirtschaft. Jedoch konnte auch dieser Kompromiss – oder das Wort Sozial – die Bevölkerung nicht überzeugen. Zudem wurde der Vorschlag in konservativen Kreisen auch noch als verweichlichte Marktwirtschaft abgelehnt.
1952 wurde mit der Initiative von Erhard und dem Bund der Katholischen Unternehmer1 der Verein die WAAGE e.V. gegründet. Verkürzt gesagt startete dieser Verein eine für damalige Verhältnisse höchst professionelle und moderne Werbekampagne2 für die Soziale Marktwirtschaft. Allein zur Wahl 1953 wurde ein Kampagne im Umfang von 3,8 Millionen DM gestartet. Aus heutiger Sicht muss man davon ausgehen, dass diese Kampagne wahlentscheidenden Einfluss auf die Bevölkerung genommen hat. Die Gelder flossen dabei zu großen Teilen nicht an Die WAAGE, sondern nahmen den direkten weg als Spenden an die ausführende Werbeagentur. Die Spender tauchten also nicht im Vereinsregister der WAAGE auf.

Woher kamen aber die enormen3 Summen für diese Kampagne? Die WAAGE agierte damals sehr diskret und unterstrich immer wieder ihre Unabhängigkeit von Wirtschaft und Politik. Erste Hinweise erhält man jedoch, wenn man sich ansieht wer damals wie heute in dem Bund Katholischer Unternehmer organisiert ist. Neben diversen CDU-Politikern, Energiekonzernen, Banken und der Axel Springer AG finden sich dort auch Namen wie Bayer, Agfa-Gevaert und ThyssenKrupp. Sowohl Bayer als auch Agfa sind Überbleibsel der nach dem Krieg zerschlagenen4 IG Farben die heute vor allem als Gas-Lieferant für die Gaskammern bekannt ist. Sie ist jedoch auch das wohl extremste Beispiel für die Verflechtung von Wirtschaft und Politik zur Zeit des Nationalsozialismus. Das zentrale Konzept5 zur Vorbereitung und Durchführung des Krieges wurde von der IG Farben zusammen mit Hermann Göring entworfen. Auch den staatlich erzwungene Ausstoßmaximierung – die vielen Produktionsstätten ihre Rentabilität nahm – unterlagen Firmen wie IG Farben, Krupp und Thyssen nicht.
Diese Zusammenarbeit setzte sich bis zum Ende fort: 1944 wollten Unternehmer auf Grund der drohenden Niederlage Ihr Vermögen in Sicherheit bringen. Bei der Planung des Vorhabens in Frankreich ist auch Ludwig Erhard anwesend und unter der Bedingung die Gelder der Nazis ebenfalls in die Schweiz (und später weiter nach Argentinien6) zu verschieben, stimmten die Nazis zu. Der letzte Akt in der mörderischen Zusammenarbeit von Nazi-Größen und deutschen Großunternehmern.

So wurde nach dem Krieg jedoch nicht nur Propaganda für Marktwirtschaft und CDU finanziert. Unter Ludwig Erhard als Wirtschaftsminister flossen viele dieser Gelder in die deutschen Konzerne zurück und trugen damit ihren Teil zum Wirtschaftswunder bei. Der andere Teil wurde weitgehend von amerikanischen Investoren und vom amerikanischen Staat investiert. Der Boom in den 50er Jahren wurde somit zum Selbstläufer und Experten Bezweifeln, dass für das Wirtschaftswunder überhaupt irgend eine Art von Wirtschaftspolitik notwendig war. Zudem handelt es sich bei der Sozialen Marktwirtschaft keinen Falls um ein Wirtschaftssystem. Dies ist und bleibt die Marktwirtschaft welche ich pauschal als nicht sozial bezeichnen würde.

Abgesehen davon, dass Ludwig Erhard mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals Mitglied der CDU war, finde ich es mehr als verwunderlich, dass Wirtschaftswunder und Erhard immer noch die Ideale der CDU-Wirtschaftspolitik sind. Scheinbar hat Die WAAGE damals ein so gutes Fundament geschaffen, dass heute alle Parteien ihre – wie auch immer geartete Politik – als Soziale Marktwirtschaft verkaufen möchten. Ein Fundament auf welches die INSM seit einiger Zeit versucht eine noch perfidere Art der Propaganda auf zu bauen.

1. Ich möchte den Bund der Katholischen Unternehmer nicht pauschal mit braunem Geschehen in Verbindung bringen. So war unter den Gründern Kardinal Frings, der im 3. Reich die Judenverfolgung öffentlich anprangerte.
2. Neben damals modernen Medien wie dem Film wurden auch erstmals in Deutschland Meinungsumfragen zur Planung der Kampagnen – u.A. von Emnid – verwendet.
3. Der Bundeshaushalt 1950/51 betrug 13 Mrd. DM.
4. Die Gesellschaft zur Abwicklung der IG Farben ist noch heute an der Börse notiert, ob wohl diese seit 1952 liquidiert wird. Die IG Farben i.A. AG diente als rechtlicher Nachfolger der IG Farben und wurde somit auch als verantwortlicher für z.B. die Beschäftigung von Zwangsarbeiter vorgeschoben. Die eigentlichen Firmen konnten somit ungestört weiter wirtschaften.
5. Der Vierjahresplan hatte als Ziel, dass Armee und Wirtschaft innerhalb von vier Jahren kriegsfähig sein sollten.
6. Wo es vorübergehend für Peróns faschistische Regierung arbeiten durfte.